Antonio Guterres klarer Sieger bei #SGDebate in London

Dank der erfolg­rei­chen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kam­pa­gne 1for7­bil­lion fin­det die Wahl des nächs­ten UN-Gene­ral­se­kre­tärs vor dem Hin­ter­grund einer brei­ten öffent­li­chen Debat­te statt. Im Gegen­satz zur Geheim­nis­krä­me­rei ver­gan­ge­ner Jah­re ken­nen wir jetzt nicht nur alle Kandidat*innen, son­dern kön­nen deren Wahl­kampf offen ver­fol­gen. Die öffent­li­che Ver­an­stal­tung im Bar­bi­can Cen­tre am 3. Juni 2016 in Lon­don bot dazu eine will­kom­me­ne Gele­gen­heit (hier zum Nach­hö­ren).

Auf Ein­la­dung der United Nati­ons Asso­cia­ti­on-UK (UNA-UK), einer der Mit­be­grün­der der 1for7­bil­lion-Kam­pa­gne, und des Guar­di­an kamen drei der mitt­ler­wei­le elf Kandidat*innen zu einer neun­zig­mi­nü­ti­gen Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung vor einem über tau­send­köp­fi­gen Publi­kum zusam­men. Trotz inten­si­ver Bemü­hun­gen der UNA-UK hat­te lei­der kei­ne der weib­li­chen Kan­di­da­tin­nen zuge­sagt. Von den drei Anwe­sen­den konn­te der ehe­ma­li­ge UN-Hoch­kom­mis­s­ar für Flücht­lin­ge und Pre­mier­mi­nis­ter Por­tu­gals von 1995 bis 2002, Antó­nio Guter­res, am meis­ten über­zeu­gen, wie die Reak­tio­nen des Publi­kums vor Ort und auf Twit­ter bestä­tig­ten.

Charisma und öffentliches Auftreten

Die Ver­an­stal­tung im Bar­bi­can Cen­tre war kein gewöhn­li­ches poli­ti­sches Duell. Zwar haben die meis­ten Anwe­sen­den kei­ne Stim­me in der Wahl des nächs­ten UN-Gene­ral­se­kre­tärs (abge­se­hen von anwe­sen­den Diplo­ma­ten). Den­no­ch bemüh­ten sich ins­be­son­de­re die bei­den ande­ren Kan­di­da­ten, der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der UN-Gene­ral­ver­samm­lung Vuk Jere­mić und Igor Lukšić, der Außen­mi­nis­ter Mon­te­ne­gros, Igor Lukšić, auf das Publi­kum ein­zu­ge­hen.

Jere­mić frag­te in sei­nem Eröff­nungs­state­ment nach Hand­zei­chen, wer glau­be die UN lie­fe­re so wie sie soll­te – wenig über­ra­schend blie­ben die meis­ten Hän­de unten. Er ver­wies dar­auf, dass es wich­tig sei „ech­ten Men­schen“ zuzu­hö­ren, for­der­te das Publi­kum jedoch wie­der­holt auf, sei­nen detail­lier­ten 53-Punk­te-Plan zu lesen.

Antonio Guterres, United Nations High Commissioner for Refugees at a press conference. 1 July 2014. UN Photo/ Jean-Marc Ferré
Anto­nio Guter­res, United Nati­ons High Com­mis­sio­ner for Refu­gees at a press con­fe­ren­ce. 1 July 2014. UN Photo/ Jean-Marc Fer­ré

Auf die Publi­kums­fra­ge, ob er Femi­nist sei, ant­wor­te­te Lukšić, der auch stell­ver­tre­ten­der Pre­mier­mi­nis­ter sei­nes Lan­des ist, mit einer Gegen­fra­ge: „Mei­ne Regie­rung war die ers­te in der Regi­on, die eine weib­li­che Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin ernann­te – macht mich das zu einem Femi­nis­ten?“ Lau­tes Geg­rum­mel ver­riet, dass vie­le im Publi­kum dies nicht als aus­rei­chend ansa­hen.

Dem­ge­gen­über strahl­te der deut­li­ch älte­re Guter­res Gelas­sen­heit und Erfah­rung aus. Auf die Fra­ge des Mode­ra­tors: „Antó­nio, are you jea­lous of Vuk’s 53-point plat­form?“ ent­geg­ne­te Guter­res, dass er Respekt für alle Kan­di­da­ten und deren Ide­en habe. Anstatt wie die ande­ren bei­den vage über Her­aus­for­de­run­gen wie Kli­ma­wan­del und Ent­wick­lung zu reden, iden­ti­fi­zier­te Guter­res auf eine ent­spre­chen­de Publi­kums­fra­ge hin tat­säch­li­ch eine zen­tra­le glo­ba­le Her­aus­for­de­rung für die nächs­ten zehn Jah­re: eine effek­ti­ve­re Prä­ven­ti­on bewaff­ne­ter Kon­flik­te und der Auf­bau ent­spre­chen­der Kapa­zi­tä­ten bei den Ver­ein­ten Natio­nen und den Mit­glied­staa­ten.

Gute Ideen allein reichen nicht, sie müssen auch umsetzbar sein

Wie kann man bei einer sol­chen Ver­an­stal­tung über­haupt die Bei­trä­ge der Kan­di­da­ten fair bewer­ten? Cha­ris­ma und wirk­sa­mes öffent­li­ches Auf­tre­ten gegen­über einem gro­ßen Publi­kum scha­den einem UN-Gene­ral­se­kre­tär sicher nicht, kön­nen für sich genom­men aber nicht über­zeu­gen. Für die in Fra­ge ste­hen­de Posi­ti­on soll­ten mei­ner Ansicht nach min­des­tens zwei wei­te­re Aspek­te hin­zu­kom­men: Poli­ti­scher Ide­en­reich­tum für das Sys­tem der Ver­ein­ten Natio­nen sowie Bei­spie­le aus eige­ner Arbeit, die zei­gen, dass sich die Kan­di­da­ten auch gegen Wider­stän­de für nor­ma­ti­ve Prin­zi­pi­en ein­ge­setzt haben.

Wie zu erwar­ten, ist die inhalt­li­che Debat­te zunächst breit und vage – alle Kan­di­da­ten set­zen sich für eine „bes­se­re Welt“ und „not­wen­di­ge Refor­men“ im UN-Sys­tem ein. Gleich­zei­tig sind eini­ge Vor­schlä­ge der Kan­di­da­ten durch­aus spe­zi­fi­sch und kön­nen das UN-Sys­tem vor­an­brin­gen, wie die Anhö­run­gen der UN-Gene­ral­ver­samm­lung zei­gen. Hier war es auf­schluss­reich, wie umsetz­bar die Vor­schlä­ge der drei Kan­di­da­ten schie­nen – gut klin­gen­de Ver­spre­chen kann schließ­li­ch jeder lie­fern.

So sprach Jere­mić davon, dass er „vom ers­ten Tag an“ die Hälf­te der Son­der­ge­sand­ten des UN-Gene­ral­se­kre­tärs mit Frau­en beset­zen und sich für eine neue Gene­ra­ti­on von robus­ten „UN-Sta­bi­li­sie­rungs­ope­ra­tio­nen“ ein­set­zen wür­de. Ange­sichts der büro­kra­ti­schen Maschine des UN-Sekre­ta­ri­ats und der tie­fen poli­ti­schen Grä­ben zwi­schen trup­pen­stel­len­den Staa­ten und dem UN-Sicher­heits­rat klang das, sagen wir, sehr ambi­tio­niert. Lukšić sprach sich der­weil für die Ein­rich­tung eines Son­der­tri­bu­nals für UN-Frie­dens­sol­da­ten aus, denen die sexu­el­le Aus­beu­tung der Zivil­be­völ­ke­rung vor­ge­wor­fen wer­de. Guter­res warn­te: „I am not sure it will be easy to get that“. Wäh­rend Jere­mić sich für eine – not­wen­di­ge, aber schwie­ri­ge – 50-Pro­zent-Erhö­hung des Bud­gets des Hoch­kom­mis­sars für Men­schen­rech­te aus­sprach, lis­te­te Guter­res drei rela­tiv kon­kre­te Maß­nah­men auf, wie die Human Rights up Front Initia­ti­ve des UN-Gene­ral­se­kre­tärs vor­an­ge­bracht wer­den könn­te.

Die Kraft, sich für die richtigen Überzeugungen einzusetzen

Der poli­ti­sche Spiel­raum jedes UN-Gene­ral­se­kre­tärs wird auch in Zukunft eng begrenzt blei­ben von den Wün­schen und Inter­es­sen der Mit­glied­staa­ten sowie der Behä­big­keit des Appa­rats, so wich­tig neue Ide­en und Reform­be­reit­schaft auch sein mögen. Daher sind die grund­le­gen­den Über­zeu­gun­gen des Amts­in­ha­bers oder der zukünf­ti­gen Amts­in­ha­be­rin ent­schei­dend. Das wich­tigs­te Argu­ment der Debat­te konn­te dabei nicht die uni­ver­sa­lis­ti­sche, libe­ra­le Rhe­to­rik sein, der sich alle drei Kan­di­da­ten ver­schrie­ben, son­dern nach­voll­zieh­ba­re Bei­spie­le aus der eige­nen poli­ti­schen Arbeit. Auch hier hat­te Guter­res die Nase vorn.

Kei­ner der drei Kan­di­da­ten konn­te im Abs­trak­ten erklä­ren, wie er gegen­über den mäch­ti­gen Staa­ten im UN-Sicher­heits­rat die Ein­hal­tung glo­ba­ler Spiel­re­geln anmah­nen und gleich­zei­tig mit ihnen arbei­ten wür­de. Kon­kre­te Bei­spie­le lie­ßen eher einen Schluss auf die Über­zeu­gungs­kraft der Kan­di­da­ten zu: Wäh­rend Jere­mić und Lukšić vor allem auf ihre Reform­ver­spre­chen ver­wie­sen, führ­te Guter­res wie­der­holt Bei­spie­le aus einer eige­nen poli­ti­schen Arbeit an. Er erzähl­te, wie er bereits 1992 Geschlech­ter­quo­ten in sei­ner Par­tei in Por­tu­gal ein­ge­führt habe und wie das UNHCR Geschlech­ter­gleich­heit in den Füh­rungs­gre­mi­en erreicht habe. Er beton­te jedoch, letzt­li­ch käme es auf die Ermäch­ti­gung (und nicht nur den Schutz) von Frau­en und auf das Main­strea­m­ing von Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit an. Das UNHCR habe in den letz­ten 10 Jah­ren unter sei­ner Füh­rung die Ver­wal­tungs­kos­ten in der Zen­tra­le von 14 Pro­zent auf 6.5 Pro­zent gesenkt und sei­ne Akti­vi­tä­ten ver­drei­facht.

Lukšić erzähl­te von sei­nem Plan, eine Exper­ten­kom­mis­si­on zur Über­prü­fung des in den letz­ten Jah­ren stark gewach­se­nen Haus­halts, ein­zu­set­zen. Dazu mein­te Jere­mić in einer abwer­ten­den Geste: „I think I am the only per­son here who has actual­ly chai­red the 5th Com­mit­tee [zustän­dig für den Haus­halt] […]. I think Igor would find it very hard as Secreta­ry-Gene­ral to pull this par­ti­cu­lar idea through“.

Nach dem tro­cke­nen Ban Ki-moon brau­chen die Ver­ein­ten Natio­nen einen Gene­ral­se­kre­tär, der Men­schen inspi­rie­ren kann. Antó­nio Guter­res ist ein ernst­haf­ter Kan­di­dat in die­sem Ren­nen. In der Abschluss­run­de erzähl­te er, was ihm Hoff­nung mache:

In this last ten years working with refu­gees, and see­ing what it is to be a Syrian fami­ly that has seen their hou­se des­troy­ed, fri­en­ds being kil­led, moving in dra­ma­tic cir­cum­stan­ces into Tur­key, and then moving into a boat, whe­re they might perish, becau­se they have hope in their future and in the future of their child­ren. When I see their resi­li­en­ce, their cou­ra­ge becau­se they have hope, I think it is our duty not only to be hope­ful but to make sure that their hope beco­mes the true thing”.

Die kom­men­den Mona­te wer­den zei­gen, ob Guter­res auch bei den stän­di­gen Mit­glie­dern des Sicher­heits­rats punk­ten kann.

 

Die­ser Bei­trag erschien zuer­st im Blog “Jun­ge UN-For­schung”.

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