Die Welt braucht nicht noch einen blassen Verwalter: Die Beste oder den Besten findet man am besten ohne Regionalproporz

Die Ära Ban geht bald zu Ende –und so wie sein Jahr­zehnt begann, wird es wahr­schein­li­ch auch enden: unspek­ta­ku­lär. Nach zehn lan­gen Jah­ren hat es Ban Ki-moon nicht ver­mocht, sich der Welt wirk­li­ch bekannt zu machen, ein Pro­fil zu ent­wi­ckeln, das über Exper­ten­krei­se hin­aus­rei­chen wür­de. Wer bei Goo­gle Ban ein­gibt, lan­det zunächst bei der bekann­ten Bril­len­mar­ke Ray-Ban, aber nicht beim Top-Reprä­sen­tan­ten der Welt­or­ga­ni­sa­ti­on.

Das hat auch mit sei­nem Auf­tre­ten zu tun. Ban ist ein tüch­ti­ger, har­ter Arbei­ter und hat die Zie­le der Ver­ein­ten Natio­nen nach ein paar Anlauf­schwie­rig­kei­ten auch wirk­li­ch ver­in­ner­licht. Aber lei­der erscheint er immer ein biss­chen steif, spricht höl­zern, redet sel­ten frei und selbst nach Jah­ren bei den UN etwas holp­rig Eng­li­sch. Schon dadurch wirkt er eher kor­rekt-büro­kra­ti­sch als mit­rei­ßend-poli­ti­sch. Er ist nicht das, was man einen Cha­ris­ma­ti­ker nennt, er ist nie­mand, der durch sei­ne star­ke Per­sön­lich­keit, sei­ne Ide­en oder Impul­se wirkt.

Und gen­au das war ja auch beab­sich­tigt damals bei sei­ner Wahl. Die fünf per­ma­nen­ten Mit­glie­der des Sicher­heits­rats haben kei­nen gesucht, der wie Kofi Ann­an den Irak-Krieg als „ille­gal“ bezeich­net oder wie Bou­tros-Gha­li visio­nä­re Papie­re geschrie­ben hät­te. Sie such­ten einen will­fäh­ri­gen Erfül­lungs­ge­hil­fen, mög­lichst hand­zahm und unauf­fäl­lig. Voi­là, das ist ihnen gelun­gen.

633677Aller­dings kann sich die Welt so einen bläss­li­chen Ver­wal­ter der inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen eigent­li­ch nicht leis­ten, denn sie ist, wie Außen­mi­nis­ter Stein­mei­er nicht müde wird zu beto­nen, „aus den Fugen“ gera­ten. Wohin man auch blickt, scheint sich Kri­se an Kri­se zu rei­hen: von Syri­en über den Irak bis Liby­en, von der Ukrai­ne über Grie­chen­land bis Por­tu­gal. Dazu kom­men der Kli­ma­wan­del, Umwelt­ver­schmut­zung, Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit und nicht zuletzt das glo­ba­le Flücht­lings­elend. Die Welt steht vor gro­ßen Anfor­de­run­gen, die kein Staat allein lösen kann. Das ist kei­ne neue und auch kei­ne son­der­li­ch ori­gi­nel­le Aus­sa­ge. Aber ihr Wahr­heits­ge­halt war viel­leicht noch nie so groß wie heu­te.

Diplomat, Moderator, Verwalter und Entertainer gesucht

Die Ver­ein­ten Natio­nen wer­den also gebraucht. Aber die­se Welt­or­ga­ni­sa­ti­on lebt neben ihren fünf Haupt- und vie­len Unter­or­ga­nen auch stark von der Per­sön­lich­keit des Man­nes oder der Frau an ihrer Spit­ze. Denn er – bis­her nur Män­ner —  gibt den Ver­ein­ten Natio­nen ein Gesicht. Sei­ne Über­zeu­gungs­kraft ist des­halb beson­ders wich­tig, weil ein UN-Gene­ral­se­kre­tär nur sehr über­schau­ba­re Befug­nis­se hat: Er kon­trol­liert weder Land noch Trup­pen, kann kei­ne Geset­ze erlas­sen oder durch­set­zen, darf kei­ne Steu­ern erhe­ben und hat im Sicher­heits­rat und der Gene­ral­ver­samm­lung nicht ein­mal ein Stimm­recht. Die UN-Char­ta beschreibt sei­ne poli­ti­schen Kom­pe­ten­zen in nur einem ein­zi­gen Arti­kel, der ihm eine Alarm- und Auf­merk­sam­keits­funk­ti­on zuschreibt. Sein Erfolg steht und fällt also mit sei­ner Per­sön­lich­keit und Glaub­wür­dig­keit.

Damit ist der Pos­ten einer der schwie­rigs­ten im inter­na­tio­na­len Gefü­ge. Ein UN-Gene­ral­se­kre­tär muss vie­les ver­ei­nen, eine Mischung aus Diplo­mat, Mode­ra­tor, Ver­wal­ter, Enter­tai­ner und – nicht zuletzt – auch eine mora­li­sche Instanz sein, sich dabei stets kor­rekt und neu­tral ver­hal­ten. Das ist selbst für die Bes­ten kei­ne leich­te Auf­ga­be, wie schon man­cher von Bans sie­ben Vor­gän­gern erfah­ren mus­s­te. Der ers­te, der Nor­we­ger Tryg­ve Lie (1946–1952), gab ent­nervt auf und trat vor­zei­tig zurück. Von ihm ist die Aus­sa­ge über­lie­fert, dies sei der „unmög­lichs­te Job“ der Welt. Der zwei­te, der Schwe­de Dag Hammarsk­jöld (1953–1961), kam auf tra­gi­sche Wei­se im Dienst ums Leben. Der Bur­me­se Sit­hu U Thant (1961–1971) woll­te nach einer Amts­zeit eigent­li­ch auf­hö­ren, um nicht wei­ter ein „glo­ri­fi­zier­ter Buch­hal­ter“ sein zu müs­sen. Nur mit Mühe über­re­de­te man ihn zu einer zwei­ten Run­de. Sein Nach­fol­ger Kurt Wald­heim (1972–1981) hat den Pos­ten von allen UN-Chefs wahr­schein­li­ch am meis­ten genos­sen, geriet spä­ter aber in Kon­flikt mit sei­ner eige­nen Ver­gan­gen­heit im Zwei­ten Welt­krieg. Der Perua­ner Pérez de Cuél­lar (1981–1991) blieb als Per­son blass. Eine Jour­na­lis­tin schrieb ein­st über ihn, er pro­du­zie­re nicht ein­mal mal Wel­len, wenn er aus einem Boot fal­le.

Dage­gen defi­nier­te der Ägyp­ter Bou­tros Bou­tros-Gha­li (1992–1996) die Rol­le des UN-Gene­ral­se­kre­tärs sehr weit, leg­te zum Bei­spiel die „Agen­da für den Frie­den“ und die „Agen­da für Ent­wick­lung vor“, rieb sich dabei jedoch an den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf. Bezah­len mus­s­te er sei­ne Eigen­stän­dig­keit mit der Wei­ge­rung aus Washing­ton, ihm die übli­che zwei­te Amts­zeit zu gewäh­ren. Und der sieb­te UN-Chef, der Gha­ner Kofi Ann­an, galt nach Bou­tros-Gha­li zunächst als leicht mani­pu­lier­bar, als „Ame­ri­kas Pudel“. Als er sich der Umklam­me­rung der Bush-Regie­rung dann aber ent­zog und beim Irak-Krieg sei­ne eige­ne Mei­nung äußer­te, nötig­te man ihn zum Rück­tritt. Den voll­zog Ann­an zwar nicht, aber auch er urteil­te am Ende, die Initia­len S-G stün­den wohl eher für „scape­goat“, für Sün­den­bock, als für „Secreta­ry-Gene­ral“, denn für das Amt brau­che man wirk­li­ch ein „dickes Fell“. Dabei gilt Ann­an bis heu­te neben Hammarsk­jöld als der erfolg­reichs­te und popu­lärs­te UN-Chef, der als ein­zi­ger aus der Rei­he noch in Amt und Wür­den den Frie­dens­no­bel­preis erhal­ten hat. Wenn selbst sol­che Cha­rak­te­re Mühe haben, wie sol­len dann erst unauf­fäl­li­ge Kom­pro­miss­kan­di­da­ten die­ses Amt aus­fül­len?

Das Ende der Selbstbegrenzung

Umso wich­ti­ger ist es, die­ses Spiel nicht zu wie­der­ho­len und als Ban-Nach­fol­ger wirk­li­ch die Bes­te oder den Bes­ten zu suchen. Wenn es nicht ohne­hin schon vie­le gute Grün­de dafür gege­ben hät­te, dann ist die aktu­el­le Welt­la­ge ein wirk­li­ch bestechen­der.  Des­halb soll­te es auch völ­lig uner­heb­li­ch sein, wel­che Welt­re­gi­on „dran“ ist, ob Ost­eu­ro­pa schon ein­mal einen UN-Gene­ral­se­kre­tär gestellt hat oder nicht. Was allein zählt, ist Erfah­rung, Umsicht, Geschick, Weit­bli­ck und — ja — die Fähig­keit, ande­re zu inspi­rie­ren und mit­zu­rei­ßen. Der Pool an Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten, die die­se Kri­te­ri­en annä­hernd erfül­len, ist aus­rei­chend groß. Aber nur, wenn die Suche dana­ch nicht in einer Regi­on hän­gen bleibt, son­dern der Bli­ck durch die gan­ze Welt schwei­fen kann. Des­halb Schluss mit der Selbst­be­gren­zung, der Regio­nal­pro­porz ist nicht mehr zeit­ge­mäß.

 

Frie­de­ri­ke Bau­er arbei­tet als freie Jour­na­lis­tin und Auto­rin. Sie lebt in Frank­furt am Main und schreibt haupt­säch­li­ch über Außen- und Ent­wick­lungs­po­li­tik und ist Mit­glied des Redak­ti­ons­bei­rats der Zeit­schrift VEREINTE NATIONEN.

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